Kritik am Begriff des Fordismus, wie ihn die Regulationsschule benutzt
Wildcat-Zirkular Nr. 28/29 - Oktober 1996 - S. 139-160

Kritik am Begriff des Fordismus, wie ihn die Regulationsschule benutzt

Ferruccio Gambino

Università degli Studi di Padova
Dipartimento di Sociologia
Via San Canziano, 8
35122 Padova, Italy

(Vortrag auf dem Kongreß über »Nationalstaat, Arbeit und Geld im integrierten Weltsystem« an der Universität von Salerno vom 3.-4. Oktober 1995) [1]
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Einleitung

Einige Kategorien wie Fordismus, Postfordismus und immaterielle Produktion, die in den letzten Jahren benutzt wurden, um die Verwandlung der Produktion zu beschreiben, haben sich als eher stumpfe Werkzeuge herausgestellt. [2] Im folgenden werde ich herausarbeiten, wie die Regulationsschule die Begriffe »Fordismus« und »Postfordismus« gebraucht: vom ersten Begriff haben sie ihre falsche Interpretation populär gemacht, den zweiten haben sie neu gebildet. Ich will damit dazu beitragen, die versöhnende Zauberformel zu brechen, in welche die Regulationisten den Fordismus und den Postfordismus eingepaßt haben.

Seit Mitte der 70er Jahre hat der Fordismus im Gefolge der Arbeit von Michel Aglietta [3] und dann auch von anderen Vertretern der Regulationsschule, wie zum Beispiel Boyer, Coriat, Lipietz, nach und nach eine neutrale Bedeutung angenommen, was einerseits einem leichtfertigen Umgang mit der Geschichte, andererseits aber auch der Zurückstufung von Bewegungen der gesellschaftlichen Klassen auf einen rein abstrakten Bezugspunkt geschuldet ist. [4]

Unter Fordismus versteht die Regulationsschule im wesentlichen ein Produktionssystem, das auf dem Fließband basiert, welches zu einer relativ hohen industriellen Produktivität fähig sei. [5] Die Aufmerksamkeit der Regulationsschule richtet sich nicht so sehr auf die bekannte Unflexibilität des Produktionsprozesses, auf die notwendige Dequalifizierung der Arbeitskraft, auf die rigide Struktur des Kommandos und der produktiven und sozialen Hierarchie des Fordismus, und noch weniger auf die Formen und die Inhalte des industriellen Konflikts, der auf seinem Boden entsteht, sondern auf die Regulierung der Produktionsverhältnisse durch den Staat als Ort von Vermittlung und institutionellem Ausgleich der gesellschaftlichen Kräfte. Diese Interpretation werde ich »regulierten Fordismus« nennen, während ich mit »vorgewerkschaftlichem Fordismus« die Bedeutung bezeichnen werde, welche der Begriff Fordismus normalerweise in Europa von Beginn der 20er bis zu den 70er Jahren hatte. [6]

Der regulierte Fordismus

Ich werde im folgenden kurz die historischen Zeiträume darstellen, in welche die Urheber des reguliertem Fordismus diesen unterteilen. Denn ich halte das für wesentlich, um zu erklären, welcher Bedeutungsunterschied zum vorgewerkschaftlichen Fordismus besteht, dessen wesentliche Linien ich im folgenden kurz skizzieren werde.

Den Regulationisten zufolge ist der Fordismus in die Lebensnerven der US-amerikanischen Metallindustrie eingedrungen und wurde dort zum Katalysator in einem nicht genauer bestimmten Zeitraum, wahrscheinlich den zwanziger Jahren, indem er hohe Löhne austeilte und somit die Speerspitze des Massenkonsums dauerhafter Konsumgüter bildete. Nachdem er durch die Walzmaschine der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs gegangen war, sei er Grundlage für die Ausweitung der keynesianischen effektiven Nachfrage in den Vereinigten Staaten gewesen, wo er - vermutlich seit Ende der 40er Jahre - ein Wohlfahrtsregime stabiler umfassender gesellschaftlicher Reproduktion gesichert habe. In den 50er Jahren habe dieses Produktionssystem von den Vereinigten Staaten auf die Länder Westeuropas und auf Japan ausgestrahlt. Nach der Periodisierung der Regulationsschule war also die große Zeit des Fordismus in Wirklichkeit ziemlich kurz, denn er fällt - allerdings nur auf dem Papier - mit dem Keynesianismus gegen Ende der 30er Jahre zusammen; danach kann er sich zu Beginn der 50er Jahre konkret durchsetzen und dauert bis Ende der 60er Jahre an, als er in eine nicht umkehrbare Krise gerät. An diesem Punkt begänne die Periode - in welcher wir noch immer steckten - des Postfordismus.

Zu Recht kann die Regulationsschule das Verdienst beanspruchen, die Veränderungen in den Verwertungsprozessen in bezug auf die Veränderungen in der sozio-politischen Sphäre und umgekehrt interpretiert zu haben. Diese Position wurde dann übernommen und weiterentwickelt mit den Beiträgen zum Staatsapparat und seinen Beziehungen zum modernen, gegenwärtigen Kapital von Hirsch und Roth in Deutschland und Jessop in Großbritannien. [7] Jessop zufolge besteht die Regulationsschule aus vier grundlegenden Untersuchungsrichtungen. [8]

Die erste Richtung, die Aglietta eingeleitet hat, untersucht die Akkumulationsregimes sowie die Entwicklungsweisen entsprechend ihren ökonomischen Bestimmungen; ihr erstes Interpretationsschema hat sie auf die Vereinigten Staaten angewandt. Andere Studien haben die staatlichen ökonomischen Formationen untersucht, einmal, um an ihnen die Verbreitung des Fordismus zu erforschen, zum anderen, um darin die Besonderheiten der Entwicklung zu verfolgen, unabhängig davon, ob sie in den internationalen Wirtschaftskreislauf eingeliedert sind.

Die zweite Richtung konzentriert sich auf die internationalen wirtschaftlichen Dimensionen der Regulation. Sie erforscht die besonderen Weisen der internationalen Regulation, sowie die Form und die Dimension der Komplementaritäten zwischen verschiedenen nationalen Entwicklungsweisen. Zur Untersuchung stehen hier Fragen von Einschluß und Ausschluß der staatlichen und regionalen Formationen aus der Wirtschaftsordnung und die Tendenzen zur Autarkie und zur internationalistischen Öffnung der verschiedenen Länder.

Die dritte Richtung analysiert die komplexen Modelle der gesellschaftlichen Strukturen der Akkumulation auf nationaler Ebene. Die Reproduktion der Gesellschaft hängt von einer Gesamtheit von institutionell vermittelten Praktiken [Fertigkeiten, Gewohnheiten, Verfahrensweisen; d.Ü.] ab, die zumindest eine gewisse Entsprechnung zwischen verschiedenen Strukturen und ein Gleichgewicht des Kompromisses zwischen den gesellschaftlichen Kräften garantieren. Diese Richtung widmet den Kategorien Staat und Hegemonie besondere Aufmerksamkeit, die sie für zentrale Elemente der gesellschaftlichen Regulation hält.

Die vierte, am wenigsten entwickelte Richtung untersucht die Zusammenhänge zwischen den entstehenden internationalen Strukturen und den Versuchen, eine globale Ordnung zu begründen durch internationale Institutionen (die sie »Regimes« nennen), die dazu dienen, eine internationale Ordnung zu stabilisieren oder zu restabilisieren.

Bereits aus dieser summarischen Auflistung der Hauptthemen der Regulationsschule wird klar, daß der Schwerpunkt ihrer Interessen nicht so sehr in der Analyse der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse liegt, sondern eher [in der Analyse] der ökonomisch-staatlichen Institutionen, welche diese leiten. Kurz gesagt, besteht die Regulationsschule auf der Permanenz der Strukturen und vernachlässigt zwangsläufig die menschlichen Subjekte, ihre Veränderungen und ihre Spannungen um die Desorganisation und Reorganisation der gesellschaftlichen Verhältnisse herum.

Die Regulationsschule entsteht und bleibt unwiderruflich gefesselt von der Fragestellung, warum der US-Kapitalismus nach 1968 und trotz der Niederlage in Vietnam durchhalten konnte. Da den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg die »herrschende imperialistische Position« [9] zugeschrieben wurde, muß man den Regulationisten zufolge zu verstehen versuchen, wie und dank welcher Institutionen die Strukturen der Vereinigten Staaten und der mit ihnen verbündeten Industrieländer ihre Stabilität bewahren konnten. In dieser Arbeitshypothese steckt die Behauptung, daß die westlichen Strukturen fest bleiben (bzw. extrem fest im Fall der Vereinigten Staaten), während nicht nur die Institutionen der Arbeiterbewegung, sondern auch die lebendige Arbeitskraft in ihrer Gesamtheit dem unaufhaltsamen Marsch der Akkumulation unerbittlich unterjocht seien: auf kurze, mittlere und lange Sicht sei das majestätische Einherschreiten des Kapitalismus dazu bestimmt weiterzugehen, während sich seine Aporien am Horizont verflüchtigen. Es ginge somit darum, die Gesetze zu untersuchen, nach denen das westliche Kapital weiterlebt. In diesem Klima erscheint das Buch von Michel Aglietta [10], im Jahr nach dem ersten Ölpreisschock, das auch das Jahr der politischen und militärischen Niederlage Washingtons in Vietman war.

Die unsicheren Konturen des regulationistischen Postfordismus

Der Postfordismus erscheint den Regulationisten wie eine Kristallkugel, in der man, »abgesehen von den noch nicht vollständig vorhersehbaren Konsequenzen der Molekular- und Gentechnologie«, einige Zeichen der Zukunft entziffern kann. Vor allem in der neuen Informationstechnologie, in der Telekommunikation und in den Datenverarbeitungstechnologien, welche zur Grundlage der »Hyperindustrialisierung« werden könnten, sehen sie das Potential, die Produktion zu revolutionieren. Indem sie die Arbeit tiefgreifend verändert und den »tayloristischen Massenarbeiter« zersplittert, schichtet die »elektronische Revolution« die Arbeitskraft neu und teilt sie in eine schmale obere Ebene von Hochqualifizierten und in eine massenhafte untere Ebene von postfordistischen Ausführenden. Kurz gesagt trennt sie die Arbeitskraft hierarchisch und räumlich und zerbricht letztlich den Rahmen kollektiver Verhandlungen. [11] Der Akkumulationsrhythmus intensiviert sich und es beginnt ein langer Zeitraum von Kapitalismus ohne Opposition, oder eines »Turbokapitalismus«, ohne daß die politische Stabilität infragegestellt würde. Der postfordistische Arbeiter der Regulationisten erscheint als atomisiertes Individuum, flexibilisiert und tendenziell ohne gewerkschaftliche Organisation, mit niedrigem Lohn und hoffnungslos prekarisiert am Arbeitsplatz. Der Staat sichert nicht mehr die materiellen Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft und begünstigt die Verminderung ihres Konsums. Nach Ansicht der Regulationisten könnte die Umwälzung des sogenannten fordistischen Konsumismus nicht vollständiger sein, dank dessen die Arbeitskraft, so behaupten sie, lohnmäßig in die Lage versetzt war, die langlebigen Konsumgüter zu kaufen, die sie produzierte.

Wenn wir dann die Diskontinuität zwischen Fordismus und Postfordismus betrachten, so scheint diese vom Schwinden zweier wesentlicher Bedingungen herzurühren: der kapitalistischen Akkumulationsweise und der fehlenden Anpassung des Massenkonsums an die durch die intensive Akkumulation hervorgebrachte Erhöhung der Produktivität. [12] In den auf den Zweiten Weltkrieg folgenden »goldenen Jahren« waren diese beiden Bedingungen erfüllt: der Fordismus mobilisierte die industriellen Kapazitäten an den beiden Extremen Hochqualifikation und Dequalifizierung, ohne daß das System durch diese Polarisierung destabilisiert worden wäre; aus dem Massenkonsum ließen sich ausreichende Profite ziehen, die Schritt hielten mit den wachsenden Investitionen. [13] Seit den 70er Jahren treten diese beiden Bedingungen nicht mehr ein, weil die Investitionen in den warenproduzierenden Sektor der Industrieländer stärker als die Produktivität gewachsen sind und damit eine Krise erzeugt haben, die das Kapital für sich zu lösen versucht, indem es nach neuen Produktionsstätten und Absatzmärkten in der Dritten Welt sucht.

Den Regulationisten zufolge führt das zu breiten Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene. Die Gesellschaft entstaatlicht sich, der Staat verschlankt, der überwiegende Sektor der Nicht-Privilegierten wendet die Sparsamkeit auf sich selber an, um das eigene Überleben zu organisieren. Es lassen sich keine neuen Aggregationsweisen voraussehen, die aus der Asche der alten Organisationen entstehen würden und die in der Lage wären, eine kollektive Solidarität auszudrücken. Den Regulationisten erschienen Streiks, Kampagnen und Konflikte in der Produktion wie ein vorpolitischer Spuk, ein Mittelding zwischen interessantem Zierrat (dem die universitäre Forschung keine Aufmerksamkeit schenken kann) und Überbleibsel.

Die toyotophile Variante

Die Verfechter der Heraufkunft des Postfordismus haben den Toyotismus als dessen konkrete Spielart gegen Ende der 80er Jahre entdeckt. [14] In den 60er Jahren bemerkte man im Westen verspätet die Expansion des japanischen Kapitalismus. [15] Damals wurde er als Erscheinung studiert, die kluge Handelsstrategien mit einem endemischen Konformismus und mit einer ungenügenden Sozialpolitik verband. [16] Auf der Linken erkannten einige - zu Recht und ihrer Zeit voraus - in der japanischen Expansion neue Hegemonialbestrebungen von Japan in Ostasien. [17] Einige Jahre später konstatierte ein Bewunderer des japanischen Wirtschaftswachstums die regelmäßige Zunahme des Lebensstandards und die Absorption der Ölpreisschocks der 70er Jahre. [18] Es fehlten auch nicht Stimmen, die vor der Reglementierung der japanischen Gesellschaft und ihrer beginnenden Verweigerung der vom Westen diktierten Regeln warnten. [19] Unterdessen hatten diejenigen japanischen Autoren einen gewissen Erfolg, die begonnen hatten, den Westlern zweifelhafte aber leichtverständliche Erklärungen für den Aufstieg Japans auf der Basis seiner kulturellen und religiösen Modelle zu liefern. [20]

In den 80er Jahren schafften einige bedeutende Werke über die Wirtschaftsstruktur den Durchbruch beim Publikum trotz der wachsenden westlichen Handelsfeindseligkeiten und den daraus erwachsenden, billigen Presseangriffen auf das japanische Industriesystem. [21] Trotzdem wurden in den 80er Jahren einige ins Englische übersetzte Studien von japanischen Wirtschaftswissenschaftlern und Soziologen kaum beachtet. [22] Das Buch des hauptsächlichen Erfinders und Propagandisten des Wortes Toyotismus, Tai'ichi Ohno [23] wurde erst zu Beginn dieses Jahrzehnts übersetzt und im Westen verbreitet, als die japanische Industriewelt zu einem der bevorzugten Terrains des Nachdenkens über die industrielle Produktivität wurde.

In den frühen 90er Jahren verlagerte sich - dank des bekannten Buchs von Coriat [24] - auch im kontinentalen Europa die Debatte über die japanische Industrie von kulturellen Begründungen auf die Unternehmensstrategie, während einige dennoch löbliche frühere Beiträge weniger Interesse hervorgerufen hatten. Coriat zufolge führt die von den Toyotawerken ausstrahlende Lehre ein neues produktives Paradigma ein, dessen Bedeutung dem vergleichbar ist, was zu ihrer Zeit der Taylorismus und der Fordismus waren. So tritt der Toyotismus auf die Bühne in der Maske eines vollendeten und nunmehr unabwendbaren Postfordismus. Der Toyotismus sei die Verwirklichung einer Tendenz zur neuen Rationalisierung, die bereits in der Kategorie Postfordismus durchgeschimmert, aber im Westen vage geblieben war und sich nicht in einer konkreten neuen Produktion[sweise] und in einem gefestigen gesellschaftlichen Raum verkörpert hatte. Von Coriat lernen wir aber, daß der Toyotismus nicht nur die Verwirklichung des Postfordismus sei als Gesamtheit der Versuche zu rationalisieren und die Produktionskosten zu senken, sondern auch auf breiter Ebene das Ausprobieren von neuen und fortgeschritteneren Produktionsverhältnissen und geradezu einer neuen Gesellschaftlichkeit, die neue Formen industrieller Demokratie vorwegnehmen könne. Im Buch von Coriat bleibt der Westen im Hintergrund, aber wenn wir uns vom empfindlichen Produktionsgleichgewicht in Japan in seine europäische Abart, die diffuse Fabrik, versetzen würden, fänden wir einen informellen Toyotismus, der auf Individualverträgen beruht. In den gefeierten Industriedistrikten Norditaliens zum Beispiel versucht das Unternehmertum der diffusen Fabrik, individuelle Vereinbarungen durchzusetzen, um die Tarif-Verhandlungen zu zersplittern.

Der toyotistischen Vulgata zufolge entstand das neue Produktionssystem vor allem durch endogene Nachfragefaktoren während und nach dem Koreaboom (1950-53) als Produktion ohne Lager (just in time), und war folglich in der Substanz ein Versuch, die Umschlagszeiten der Rohstoffe zu verkürzen, angesichts einer absolut beschränkten Arbeitskraft. [25]

Die Neuheiten des Toyotismus bestehen hauptsächlich in der Produktion ohne Lager und der schnellen Reaktion auf den Markt; darin, daß den Arbeitern die Polivalenz aufgedrückt wird, sie gleichzeitig oder nacheinander an mehreren Maschinen arbeiten; in der Qualitätskontrolle während der Arbeit; in der simultanen Information über den Produktionsablaufs in der Fabrik, die dermaßen kapillar und autoritär gefiltert ist, daß sie bei Vorfällen, die die Produktion stören, zu sozialen Schwierigkeiten und Dramen führt. Die Produktion kann in jedem Moment unterbrochen werden, womit ein Vorfall geschaffen wird, der die ganze Gruppe oder die Abteilung oder sogar die ganze Fabrik miteinbezieht. Der Arbeiter, der die Gleichgültigkeit des Lohnabhängigen gegenüber den Produktionsergebnissen zeigt und sich folglich nicht in die Gruppe integriert, wird stigmatisiert und dazu gebracht zu kündigen. Von Coriat haben wir auch gelernt, daß im Dilemma »Demokratie/Ächtung« der Gruppe möglicherweise Demokratie zuteil wird, während den Stigmatisierten sicher die Ächtung trifft. In der Beschreibung der Wunderdinge des Toyotismus widmet Coriat der Vollständigkeit halber dem Essayist Satochi Kamata eine lakonische Bemerkung; [26] dieser war 1972 bei Toyota arbeiten gegangen und schrieb darüber sein Buch mit dem bezeichnenden Titel Toyota, die Fabrik der Verzweiflung[27]

Im Vergleich zum Horizont der westlichen Manager bietet der Toyotismus den Regulationisten einige Vorteile, obwohl sich der japanische Vorsprung in der Produktion als zerbrechlich erweist - trotz des propagandistischen Nimbus, mit dem er im Westen übergossen worden ist. [28] Fürs erste ist er ein geographisch weit entferntes und kommerziell gelungenes Experiment, denn er findet seinen Weg zur Akkumulation, wenn auch in Vorkriegs- und Kriegskonjunkturen und keineswegs in friedfertigen, wie die Lobgesänge auf den Toyotismus glauben machen wollen. Zweitens scheinen die toyotistischen Methoden dem wachsenden Prozeß der Individualisierung zu widersprechen, dem oft der endemische Widerstand der westlichen Arbeitskraft gegen die Vermassung und gegen die Reglementierung zugeschrieben wird. Drittens ist der Toyotismus Träger eines Programms zur Tertiarisierung der Arbeitskraft, dem sogenannten »Bleichen« der Blaumänner, das zwar im Moment nur eine ziemlich begrenzte Minderheit der Belegschaften betrifft, das aber mit jenen Vorhersagen einer dualistischen Neuschichtung der Arbeitskraft übereinstimmt, welche die Postfordisten für unabwendbar halten.

Der vorgewerkschaftliche Fordismus

Wie sieht die Wirklichkeit des Fordismus aus für die Subjekte, die ihn auf ihrer eigenen Haut erfahren haben? Kurz zusammengefaßt ist der Fordismus ein autoritäres Produktionssystem, das durch das Fließband »objektiv« durchgesetzt wird, und in dem Lohn und Arbeitsbedingungen von der Arbeitskraft nicht kollektiv verhandelt werden können. Es handelt sich folglich um den vorgewerkschaftlichen Fordismus, der mit den Kürzungen der Taktzeiten, bewaffnetem Werkschutz, physischer Einschüchterung der Arbeiter am Arbeitsplatz und mit massiver Propaganda auch außerhalb des Betriebs in den 20er und 30er Jahren eines der wesentlichen Elemente im langsamen Aufbau des Konzentrations[lager-]Universums ausmachte, das gerade dabei war, seine ersten Klauen in die stalinistische UdSSR auszufahren und bald danach auch ins nazistische Deutschland. In den USA dagegen überdauerte und verstärkte sich sogar während der großen Depression eine demokratische Tradition der Basis, die auf den Aufbau der Industriegewerkschaft zielte und den Fordismus so lange belagerte, bis er fiel. In den 20 Jahren, die der gewerkschaftlichen Organisierung 1941 bei Ford vorausgehen, führen bei Ford die Manager und Wachschutz-Schläger die Repression gegen die Arbeiter mit Faustschlägen, Rausschmissen und Public Relations. Vielleicht können wir eines Tages genauer ins Detail gehen als Irving Bernstein, der das größte Ford-Werk so beschreibt: »River Rouge ... war ein großes Konzentrationslager, das auf Angst und körperlicher Gewalt beruhte« [29]. Es ist eine Tatsache, daß der fordistische Wahn, den Rhythmus des menschlichen Handelns zu zerbrechen, um es nach einem rigiden Plan auf weltweiter Ebene zu verdichten, in den Vereinigten Staaten besiegt wird, aber in der Zwischenzeit ist er schon auf das in Flammen stehende Europa übergesprungen. Man kann die Behauptung aufstellen, daß im 20. Jahrhundert das Fließband zusammen mit den totalitären Maschinen des Staates und des rassistischen Nationalismus eine der originären Strukturen ist, die in weitem Maß die in industriemäßig verübten Konzentrations[lager]-Untaten erklären. Damit möchte ich sagen, daß im vorgewerkschaftlichen Fordismus, und vorher im Taylorismus, nicht schon potentiell sein Gegenteil enthalten war: weder die Überlegenheit der Arbeit »über das Kapital« von Abraham Lincoln, noch der Aufbau der Industriegewerkschaft CIO, noch der Zusammenbruch der rassistischen und sexistischen Arbeitsteilung, und schon gar nicht das Streikrecht. Der Faschismus und der Nazismus waren nicht von Anfang an die Verlierer des Fordismus, sondern sie wurden von den gesellschaftlichen und Arbeiterkämpfen der 30er Jahre in den USA in diese [Verlierer-]Rolle gezwungen, von denselben Kämpfen, die bereits eine herrschende Klasse aufgehalten hatten, die 1932-33 während der Bildung der ersten Roosevelt-Regierung auf dem Weg zu korporativen Lösungen gewesen war.

Das Fließband hat in den USA bekanntermaßen einen langen Weg hinter sich. Die Serienproduktion von langlebigen Konsumgütern im 20. Jahrhundert ist ein Prozeß, der in das American System of Manufactures einmündet, der Produktionsmethode mit austauschbaren Teile, die von der US-amerikanischen Industrie bereits im 19. Jahrhundert ausgebrütet worden war. [30] Das Experiment der Ford-Fabrik ist ein entscheidendes Moment dieser Serienproduktion, weil er es auf ein langlebiges Gut, das Auto, anwendet, das zu Beginn dieses Jahrhunderts allgemein, auch in den Vereinigten Staaten, als Luxusgut galt. Dadurch strukturierte Ford eine immer breitere und drängendere Nachfrage, die ihrerseits in der öffentlichen Meinung die autoritären Maßnahmen legitimiert, welche für die Fordwerke von Anfang des Jahrhunderts bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs typisch sind.

Ich habe gesagt: autoritäres Experiment von Ford, auf seine Weise autoritärer und vor allem wirksamer als die Predigten von Frederick W. Taylor zwanzig Jahre zuvor. Der Arbeiter bei Ford ist ein Individuum, welches das Instrument zur Multiplizierung der Berührungspunkte [31] zwischen den Individuen produziert, aber paradoxerweise produziert er es gerade dank seiner eigenen stundenlangen Einkerkerung am Ort der Produktion, wo ihm in einem bis dahin unbekannten Ausmaß alle Rechte sich zu bewegen genommen sind, gerade so wie die mit seiner täglichen Reproduktion beschäftigte Frau an die Rhythmen der Industrieproduktion gebunden und gleichzeitig im gesellschaftlichen Halbschatten der Hausarbeit eingeschlossen ist. Dem Arbeiter ist es sogar verboten zu sprechen, denn - und in dieser Disziplinierung potenziert der Fordismus den Taylorismus noch - er erhält weniger direkte verbale Anweisungen von einem Vorgesetzten, sondern eine vorherbestimmte Zerlegung des Produktionsrhythmus durch die Maschinerie; die Kommunikation und der Kontakt mit Seinesgleichen werden auf ein Mindestmaß herabgesetzt; er muß lediglich monoton auf die Impulse eines totalitären Produktionssystems reagieren. Keinesfalls die unwichtigsten Isolierungsmittel sind die sprachlichen Barrieren, welche die eingewanderten Arbeiter Ford zum Geschenk machen, und welche dieser vier Jahrzehnte lang absichtlich aufrechterhält und ausnutzt, wodurch er harte Mißverständnisse und Spaltungen schürt, die erst gemildert werden durch die Zeit, durch die tägliche Nachbarschaft, durch die große Depression und durch die schon zu Beginn scheinbar geschlagene Organisationsarbeit einer dennoch unermüdlichen Minderheit, die in den 20er und 30er Jahren für die Industriegewerkschaft kämpft.

Es ist bekannt, daß Ford seit seiner Gründung im Jahre 1903 keinerlei Gewerkschaft im Betrieb duldet, nicht nur die Berufs- oder Industriegewerkschaften, sondern sogar die »gelben«, die Unternehmergewerkschaften, blieben bis 1941 aus den Fordwerken in den USA ausgeschlossen. Der Lohn wird hoch mit den berühmten 5 Dollar am Tag im Januar 1914, aber nur für die Arbeiter, welche die soziologische Abteilung von Ford nach minutiösen Recherchen in ihrem Privatleben für geeignet befindet, und nur in der Hochkonjunktur, als Ford dringend seine Belegschaft stabilisieren muß, denn die Arbeiter verlassen seine Fabriken wegen der aufreibenden Taktzeiten. [32] Als der Plan zur totalen Kontrolle der Arbeiter und ihrer Familien nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 in die Krise gerät, wird das Überwachungsnetz mittels Spionen in den Abteilungen engmaschiger. In der auf den Ersten Weltkrieg folgenden Rezession holen die Löhne der anderen Unternehmen die Fordlöhne ein, und Ford baut die Unterstützungsleistungen aus dem ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts ab. Im Februar 1921 werden mehr als 30 Prozent der Fordarbeiter entlassen, und diejenigen, die bleiben, müssen sich mit den inflationierten sechs Dollar am Tag und einer weiteren Erhöhung der Takte zufrieden geben.

Die Überlegenheit von Ford im Autobau geht Mitte der 20er Jahre in die Brüche, als die Manager von General Motors, zum Gutteil Überläufer von Ford und seinen autoritären Methoden, ihm definitiv den ersten Platz in der Autoproduktion entreißen. Gegen die unterschiedlose Produktion »für die Massen«, wie sie Henry Ford nennt, gewinnt General Motors die Schlacht im Namen des Unterschieds und der Individualisierung, indem sie die Produktionsskala erweitern, diversifizieren und jährlich neue Modelle einführen. Vom Ende der 20er Jahre und bis zur Anerkennung der Gewerkschaft 1941 ist Ford ein Unternehmen, das berüchtigt ist für seine Löhne, die noch unter den in der Autobranche üblichen niedrigen Löhnen liegen. [33]

Die Überrundung durch General Motors und die finanziellen Schwierigkeiten reichen aber nicht aus, um den vorgewerkschaftlichen Fordismus in den USA in die Knie zu zwingen: Es sind zunächst die Arbeiterrevolten und die Fabrikbesetzungen in den 30er Jahren und danach die gewerkschaftliche Organisierung der Großindustrie, welche die anderen Automobilunternehmen und schließlich auch Ford politisch einkreisen, bis zu seiner regelrechten Kapitulation vor der Autogewerkschaft UAW im Gefolge des großen Streiks im Frühjahr 1941. Der vorgewerkschaftliche Fordismus löst sich da auf, als die Streikposten von bewaffneten Wachschützern angegriffen werden und nicht nachgeben, sondern Verstärkung bekommen und die Wachschützer zurückschlagen. Das ist ein Moment, an den ich vielleicht am besten mit den Worten von Emil Mazey erinnere, einem der hauptsächlichen Organisatoren der UAW: »Es war, als könnte man dabei zusehen, wie Halbtote plötzlich zu Menschen werden.« [34]

Mit der Unterschrift unter den ersten Tarifvertrag 1941, zieht Ford nicht nur mit General Motors und Chrysler gleich, den anderen beiden Großen in der Autobranche, sondern er überholt sie mit seinen Konzessionen an die UAW - und rettet sich ein zweites Mal vor dem Konkurs nur dank der Kriegsaufträge von der Regierung. Bereits im Verlauf des Zweiten Weltkriegs versucht Ford, den Gewerkschaftsapparat in der Fabrik zu stärken und in die Ziele der Firma zu integrieren. Seit 1946 ordnet ein neues Ford-Management eine Strategie der langen Leine an, um die UAW zu kooptieren und sie zu einem Instrument der betrieblichen Integration zu machen. Damit ist der Fordismus begraben. Wenn man unter Fordismus ein autoritäres System der Massenproduktion am Fließband versteht, bei dem die Arbeitskraft ihre Löhne und Arbeitsbedingungen nicht gewerkschaftlich verhandeln kann, also das, was die Arbeitssoziologie allgemein in den 20er und 30er Jahren unter Fordismus verstanden hatte, dann verlöscht der Fordismus dank der Kämpfe für die Industriegewerkschaft in den Vereinigten Staaten der 30er Jahre, die gekrönt werden von der Durchsetzung der kollektiven Verhandlungen bei Ford im Jahr 1941. Was aber die Tendenzen betrifft, der Arbeitskraft durch die Zerlegung der Arbeitszeiten und das Aufzwingen von in der Maschinerie verkörperten Arbeitsrhythmen auf totalitäre Weise ihre Verfügungsgewalt zu nehmen, so sind diese Tendenzen mit dem Ende des vorgewerkschaftlichen Fordismus keineswegs verschwunden; sie sind in diesem Zeitabschnitt des Jahrhunderts zwingender als je zuvor gerade angesichts der Potenzierung der Produktivkräfte der Arbeit und des Heraufkommens computergesteuerter Maschinen - aber sie sind nun weit entfernt vom vorgewerkschaftlichen Fordismus.

Wir können uns entscheiden, ob wir diese Tendenzen als ein Kapitel in einer breiteren Rationalisierungsbewegung sehen wollen, die bereits mit dem American System of Manufactures beginnt und sich noch nicht erschöpft hat. Auf jeden Fall haben schon vor Ford andere Großunternehmen den umfassenden Drang zum Kommando über die Arbeitszeiten durch die »Objektivität« der Maschinerie [35] entwickelt; mit der Verbreitung des fordistischen Fließbands weitet er sich explosionsartig aus; seine zeitweilige Niederlage Ende der 30er Jahre beendet ihn offensichtlich nicht, vielmehr scheint er sich heute auch in den weit entfernten Schlupfwinkeln kapitalistischer Durchdringung mit erneuerter Virulenz aufzudrängen.

Globaler Postfordismus und globaler Toyotismus

Die Kategorie Postfordismus, wie sie von den Regulationisten geheimnisvoll formuliert wurde, hat dann den Weg frei gemacht für einige Positionen, die sich anscheinend auf zwei unbewiesene Annahmen stützen: den technologischen Determinismus der kleinen Serien, die seit den 70er Jahren dieses Jahrhunderts einen tiefen Bruch zur Großserienproduktion langlebiger Konsumgüter ausmachen würden; und die kürzliche Entdeckung der Produktivität, die in der Kommunikation zwischen den sogenannten Produzenten im Innern des Unternehmens liegt. [36]

Die erste Annahme geht von der Feststellung aus, daß die materielle Produktion im allgemeinen und insbesondere die mechanische - die diskontinuierlicher als die in Fließprozessen organisierte ist - heute in kleinen Serien vonstatten gehe, denn dank der Flexibilität der Werkzeugmaschinen, angefangen mit den NC-gesteuerten der 50er Jahre, wird die Diversifizierung des Produkts erleichtert, insbesondere bei der Produktion langlebiger Güter. Diese Diversifizierung macht es nicht nur möglich, den Wünschen der Konsumenten nach Unterscheidung nachzukommen, sondern erlaubt es auch, Geschmacksrichtungen zu bilden und allgemein die Veränderungen und die »persönliche Note« hervorzuheben, die dann als teure Innovationen gelten. Kurz gesagt ist diese Tendenz nichts anderes als der Diversifizierungsschub, den General Motors seit Beginn der 20er Jahre unterstützt und gefördert hatte und mit dem es GM gelungen war, Ford zu schlagen, während Henry Ford geprahlt hatte, »der Kunde kann das Auto in jeder Farbe kaufen, vorausgesetzt, sie ist schwarz«. Die Massenproduktion hatte nur scheinbar den Massenarbeiter geformt (ein Begriff, der gebraucht, aber auch mißbraucht wird, um summarisch entlang historischer Figuren vorzugehen). In vielen Abteilungen des größten Fordwerkes, River Rouge, wurde das Ford-Schweigen unterbrochen vom »Ford-Geflüster« oder einer »Kommunikation durch Gebärden«, einem der Elemente des Arbeiterwiderstands bis zum entscheidenden Zusammenstoß 1941. [37] Obwohl alle den gleichen blauen Anton tragen mußten und nicht autorisiert waren zu denken, gab es offensichtlich im »Produzenten« einen Geist, der zur Individualisierung strebte, nicht zur umfassenden Nivellierung. Der ausgleichende Kampf für eine Gleichheit, die »die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt« [38] war dabei, sich zu erschöpfen. Gegen Ende der 20er Jahre befand Henry Ford sich zum ersten Mal in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten aufgrund seines Festhaltens am Modell T in einer einzigen Farbe. Es verdient festgehalten zu werden, daß es selbst in den dunklen 30er Jahren in den Fordwerken immer Arbeiter gab, die ein Auto von GM kauften, obwohl sie damit ihren Rausschmiß riskierten. [39] In der Autoindustrie war es also die GM-Fabrik der 20er Jahre, wo eine zeitgemäße flexible Produktion erfunden und verwirklicht wurde. [40] Die unterschiedlichen Fahrzeuge wurden mittels der »Angleichung« der Werkzeugmaschinen und hauptsächlichen Zulieferteile (commonalisation) hergestellt. Die Economies of scale sind die Grundlage der Modellökonomie. Die Produktvielfalt mußte keineswegs auf den Toyotismus warten, was Charles Wright Mills zu Beginn der 50er Jahre sehr wohl bewußt war, als er auf die manipulierte Verknüpfung des Massengeschmacks und der »persönlichen Noten« an den damaligen Produkten hinwies. [41]

Darüber hinaus wird es als gegeben angenommen, daß der Toyotismus mit dem »Fordismus« gebrochen habe und seine Flexibilität bereits in den 50er und 60er Jahren entwickelte, insofern seine Autoproduktion mit einer bereits diversifizierten Nachfrage Schritt halten mußte. Das behauptet der größte Vertreter des Toyotismus selbst [42] und viele westliche Wissenschaftler, darunter Coriat, haben diesen Mythos verbreitet. In Wirklichkeit konnte Toyota, genauso wie Nissan, nach dem Krieg auf eine kurze Erfahrung als Autohersteller zurückblicken; erst 1936 hatte man mit der Produktion begonnen und schnell gelernt, sich eine oligopolistische Position zu verschaffen, indem man dazu beitrug, daß Ford und GM kaum drei Jahre später sich aus Japan zurückziehen mußten. Nach 1945, immer noch mit der Familie Toyoda am Steuer, hat die Firma lange von großen Serien gelebt, die exportiert und später sogar im Ausland produziert wurden. Die Kontinuität nicht mit dem regulationistischen Fordismus, aber sehr wohl mit der US-amerikanischen Autobranche ist wesentlich stärker als die toyotaphile Vulgata es zugeben will.

In Wirklichkeit versucht sich Toyota nach einer kümmerlichen Rekonversion nach dem Krieg mit dem Kleinwagen Toyotapet und hat es zunächst mit den Streiks von 1949 und 1953 zu tun. Man rettet sich vor allem dank der Unnachgiebigkeit von Nissan, das die Autogewerkschaft Zenji zerstört, aber auch dank der US-amerikanischen Aufträge im Koreakrieg. Danach ist die Modellpalette von Toyota wie die der anderen japanischen Automobilunternehmen 20 Jahre lang auf sehr wenige Modelle beschränkt. Bis in die 60er Jahre sind die Autos von so schlechter Qualität, daß sie nicht exportiert werden können. Nach diesem Mißerfolg beginnt die Experimentierphase, die sich einerseits auf den Einsatz polivalenter und mobiler Gruppen an Werkzeugmaschinen mit variablen Modulen stützt, andererseits auf die Beachtung der Qualität, im Hinblick auf den Export. [43] Der Erfolg eines einzigen Modells (des Kleinwagens Corolla) legt in den 70er Jahren die Grundlage für die Diversifizierung der Produktion - nicht umgekehrt. Und es ist ein Erfolg, den Toyota viel mehr im Ausland als im Inland einfährt, wo der Markt wesentlich weniger dynamisch ist. Bis in die 80er Jahre bleibt die Modellpalette von Toyota vorsichtig begrenzt, und erst als in den 80er Jahren der innere Markt ins Stocken gerät, erweitert das Unternehmen die Produktpalette, um neue Marktanteile im Ausland zu erobern. Nicht die Modellvielfalt, sondern die Mobilisierung der Arbeitskraft nach einer historischen Arbeiterniederlage erklärt also das Experiment des Ingenieurs Ohno bei Toyota. Aber während General Motors in den 20er Jahren sich mit der Modellvielfalt begnügte, besteht die substantielle Neuigkeit darin, daß Toyota seine nach Belieben kommandierbare Belegschaft zur polivalenten Arbeit zwingt, um unterschiedliche Modelle am selben Band produzieren zu können.

Was die Produktion ohne Lager betrifft, so war diese auf ihre Art bereits in den 20er Jahren und bis über die große Depression hinaus in der US-amerikanischen Autoindustrie erprobt worden. Die »Freistellung« ohne Lohn aufgrund der jahreszeitlich schwankenden Nachfrage, die in den 20er Jahren sehr häufig war und in der großen Depression noch zunahm, wurde einer der entscheidenden Kampfterrains für das Entstehen der Autogewerkschaft in den Vereinigten Staaten. [44] Im Kampf 1936-37 zwischen der UAW und General Motors, erreichte die Gewerkschaft einen Sieg nach Punkten in der Frage der Planung der Lager und der Abschaffung der jahreszeitlichen Arbeitslosigkeit. Diejenigen, die Loblieder auf just in time singen, sollten sich einmal eine Seite aus den Berichten über Detroit in den 30er Jahren anschauen, aber auch einen Bericht über die wiederkehrenden europäischen und US-amerikanischen Streiks von »selbst-fahrenden Transportunternehmern« im Automobilzyklus, die in Wirklichkeit extreme Anhängsel der großen Unternehmen sind.

Was die zweite Annahme betrifft, so behaupten die Verfechter des Postfordismus, daß die Produktion inzwischen sehr hoch entwickelte Kommunikationsgrade zwischen den produktiven Subjekten verlange und immer stärker verlangen werde, und daß solche Ebenen ihrerseits Räume von Verfügungsgewalt auf seiten der sogenannten Produzenten voraussetzen, die enorm seien im Vergleich zu einer Vergangenheit mit nicht-kommunikativer Arbeit, mit dem »stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse« [45] der modernen Welt. Eine solche Kommunikation würde eine immer intensivere Vernetzung zwischen den Subjekten schaffen, im Kontrast zur Isolierung, der Abgetrenntheit und der Stummheit, die den Arbeitern von der ersten und der zweiten industriellen Revolution aufgezwungen worden war. Die Lernprozesse in der Produktion (learning by doing) haben zweifellos einen beachtlichen Grad von auch verbaler Interaktion zwischen Individuen verlangt und werden ihn weiter verlangen. Doch bleibt die Tatsache bestehen, daß seit dem Taylorismus die Einsparung von Arbeitszeit zum großen Teil durch die äußerste Verminderung des Kontakts und der informellen Interaktion zwischen den Planern und den Ausführenden erreicht wurde. Der Taylorismus hat mit mageren Ergebnissen versucht, eine solche Planung zum Zwecke der Produktivitätssteigerung aufzuzwingen, indem er den Meistern und den Arbeitern die Entscheidungsgewalt über die Zeit entzog, welche jene durch informelle und verbale Verhandlungen in den Abteilungen ausübten. Dennoch muß daran erinnert werden, daß auch in der Epoche des vorgewerkschaftlichen Fordismus in Zeiten von Umstrukturierung der Fabrik, Modellwechsel und technologischer Innovation das Flüstern der Umstrukturierung nicht nur produktiv war, sondern unmittelbar wesentlich für den guten Ausgang der Operation. Das von den Chefs aufgezwungene Schweigen und der ohrenbetäubende Lärm der Entwicklung beherrschen die Autoindustrie bis zur Mitte der 30er Jahre. [46] Aber ist die Disziplinierung des Schweigens und des Flüsterns in die Kanäle der produktiven Kommunikation des Kapitals nicht vielleicht ein konstitutiver Zug der modernen Fabrik? Bei dieser Gelegenheit sollte daran erinnert werden, daß die Industriesoziologie als Disziplin unmittelbar auf der Verschleierung der kommunikativen Dimension und auf der Zurückweisung jedweder Analyse der verbalen Interaktionsprozesse am Arbeitsplatz beruht und so entstanden ist. Und das war kein Versehen: es wird reichen, an die Beobachtung von Harold Garfinkel zu erinnern:

»Es gibt eine lokal hergestellte Ordnung in den Dingen der Arbeit; [...] Sie bilden einen enormen Bestand von organisatorischen Phänomenen;[...] die klassischen Arbeitsstudien hängen hoffnungslos und ohne Alternative von der Existenz dieser Phänomene ab, machen Gebrauch von diesem Bestand und ignorieren ihn.« [47]

Die Tendenzen, Arbeitsrhythmen totalitär aufzuzwingen, sind mit dem Ende des vorgewerkschaftlichen Fordismus sicherlich nicht verschwunden; sie kehren in diesem Zeitabschnitt des Jahrhunderts zwingender denn je zurück, gerade angesichts der Potenzierung der Produktivkräfte der Arbeit, und sie haben sogar einige Züge des vorgewerkschaftlichen Fordismus der brummenden 20er Jahre angenommen: Prekarität des Arbeitsplatzes, mangelnde Gesundheitsversorgung und Arbeitslosenunterstützung, Kürzung nicht nur der Reallöhne, sondern auch der Nominallöhne, Verlagerung von Produktionslinien weit weg von den industriell »reifen« Regionen. Die Arbeitszeiten werden länger statt kürzer. Im ganzen Westen wie auch im Osten arbeitet man länger als vor 20 Jahren, und in einer gesellschaftlichen Dimension, aus der sich die regulierende Macht des Staates davon gemacht hat. Man arbeitet länger und intensiver auch dank der überholten tayloristischen Stoppuhr und des fordistischen Fließbands, die angeblich »außer Mode« sind. Ironischerweise zeigen gerade für Frankreich, wo die Regulationsschule entstanden ist, wertvolle Daten, die für andere Länder nicht existieren, daß die Arbeit am Fließband und unter automatischem Arbeitszwang zunimmt, sowohl prozentual wie absolut: 1984 machten 13,2% aller Arbeiter solche Arbeit, 1991 waren es 16,7% (von jeweils 6 187 000 und 6 239 000 Arbeitern). [48]

In den 50er und 60er Jahren, oder in den »goldenen Jahren« des Fordismus, wie Lipietz sie nennt, regte die internationale Ökonomie unter US-amerikanischer Führung die Nachfrage nach Privatinvestitionen noch stärker an als den Konsum der Löhne. Was als stabiles System erschienen war, begann von innen her zu zerbröckeln, denn Ende der 60er Jahre warf der Klassenkampf in seinen gescheckten Formen die soliden Gewißheiten des Kapitals auf dem Terrain des Lohns, der Arbeitsorganisation, des Verhältnisses zwischen Entwicklung und Unterentwicklung und des Patriarchats um. Wenn man die Radikalität dieser Herausforderung nicht begreift, kann man die Elemente von Krise und Ungewißheit nicht verstehen, welche die Perspektiven der Herrschaft in den darauffolgenden beiden Jahrzehnten gekennzeichnet haben[49] Die ungleichartigen Reaktionen - vom Angriff auf die Blaumänner in den Industrieländern bis zur Regionalisierung in drei große kapitalistische Gebiete (Nafta, EU und Japan) und zum Golfkrieg - bezeichnen nicht den Übergang zu einem postfordistischen Modell, sondern die beständige Neukombination von alten und neuen Herrschaftselementen, um die Arbeitskraft rund um eine flexible Produktion politisch zu zersetzen.

Schlußfolgerungen

Die Regulationsschule betrachtet diese Entwicklungen von der Seite des Kapitals als Zentrum und Motor der gesellschaftlichen Gesamtbewegung. Hirsch und Roth sprechen in Namen von vielen, wenn sie feststellen, »daß es immer noch das Kapital selbst und die von ihm 'objektiv', hinter dem Rücken der Akteure gesetzten Strukturen sind, welche entscheidende Bedingungen von Klassenkämpfen und Krisenprozessen setzen.« [50] Es überrascht nicht, daß die Schlußfolgerungen, die die Regulationisten aus dieser Position ziehen, in die einzige Richtung gehen, die ihnen nicht versperrt ist: sich gegen die Gesetze der kapitalistischen Entwicklung aufzulehnen, hat keine Zukunft, und deshalb ist es unnütz, die Risse im Herrschaftsgebäude hervorzuheben. Mark Twain paraphrasierend kann man sagen, daß wenn die Regulationisten nur über einen panfordistischen Hammer verfügen, sie eben auch nur postfordistische Nägel zum Einklopfen sehen.

Mit dieser Position versperren sich die Regulationisten nicht nur den Weg zur Analyse von konfliktualen Prozessen heute und in der Zukunft, sondern sie schließen sich auch selber aus der vielstimmigen Diskussion über die Subjekte aus. [51] Anders läßt sich nicht erklären, warum die Regulationisten die Arbeiterklasse in den Vereinigten Staaten gerade in einer Phase ihrer enormen antagonistischen Entwurfskraft, wie sie zwischen der großen Depression und der neuen nazifaschistischen Ordnung in Europa zum Ausdruck kommt, auf ein reines fordisiertes Objekt [52] reduzieren. Und mit dieser Position kann der Regulationismus dann auch nicht verstehen, wie gerade diese Arbeiterklasse auf entscheidende Weise dazu beigetragen hat, den US-amerikanischen Kapitalismus auf einen Kollisionskurs zum Nazifaschismus zu bringen. Der vorgewerkschaftliche Fordismus war vergänglich, nicht im banalen Sinn (der gleichwohl nicht unbedeutend war), daß Henry Ford Hitler auf dem Weg zur Macht finanzierte und sich bis 1938 mit nazistischen Medaillen schmückte, sondern weil es die Arbeitskraft selber war, welche den stummen Zwang der fordisierten Arbeitskraft in einer sozialen Selbstbefreiungsbewegung umwarf. Den Regulationisten fehlen die strukturellen Mittel, um das in seinen breiten Auswirkungen auf weltweiter Ebene und für viele Jahre, weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus, zu verstehen.

Was die heutigen Bedingungen betrifft, so würde ich nicht infrage stellen, daß wir die neuen Entwicklungen nach dem Fall der Sicherheiten - und nicht nur der Berliner Mauer - untersuchen müssen. Ich weiß aber nicht, ob es möglich sein wird, die Unvermeidbarkeit des Übergangs zu einem »postfordistischen« Paradigma abzuschütteln, in dem die Arbeitskraft ein weiteres Mal nur als reines Objekt oder träge Masse vorkommt. Wie Holloway und Pelaez bemerken, macht einen die Beharrlichkeit, mit der die Regulationisten ihr Publikum dazu einladen, der Zukunft ins Gesicht zu sehen, einigermaßen ratlos. [53] Schließlich hat der Glaube in die Wunder der Technologie von seiten der Organisationen der Arbeiterbewegung zu einigen epochalen Niederlagen in der Vergangenheit geführt. Es steht nicht nur die Unvermeidbarkeit eines Systems, des Kapitalismus, auf dem Spiel, das zu sehr mit Zwang und Tod verbunden ist, als daß wir es akzeptieren könnten, sondern geradezu jede, auch noch so vorsichtige Initiative, die von den Subjekten ausgeht. Auf dem Spiel steht die Perspektive des Kampfs gegen eine vorbestimmte Unterwerfung der Arbeitskraft unter die erbarmungslosen [unabwendbaren] Neuen Zeiten, die auch voll von Informatik/Silizium sind, aber auch voller starker innerimperialistischer Feindseligkeiten, die im Moment noch mit Parolen wie Wettbewerb und freier Markt bemäntelt werden.

Die Gegenwart veranlaßt uns dazu, die Unbestimmtheit der Grenzen der konflikthaften Aktion zu verteidigen. Wir werden deshalb rechtzeitig einige Instrumente neu untersuchen müssen, um die Zukunft wenn schon nicht von eventuellen Hypotheken, so zumindest von dem größten Gewinsel zu befreien.

Bisher haben die Zersetzung und das Sezieren der Arbeitskraft als »menschlicher Maschine« tatsächlich den Vorbereitungsprozeß der verschiedenen Stadien der Mechanisierung gebildet; diesen Prozeß hat die kapitalistische Herrschaft beständig als notwendig dargestellt. Die Frage ist nicht, ob der Postfordismus unter uns herumspukt, sondern ob wir weitere Opfer von »menschlichen Maschinen« auf den Pyramiden der Akkumulation verhindern können.

Fußnoten:

[1] Ferruccio spricht im Text immer vom »Fordismo regolazionista«, das läßt sich nicht übersetzen: es klingt einerseits nach »reguliertem Fordismus« - klingt aber nur so, denn das würde »fordismo regolato« heißen! -, andererseits meint es den »Begriff Fordismus, wie ihn die Regulationisten benutzen«. Aus sprachlichen Gründen übersetze ich den Begriff im folgenden mit »reguliertem Fordismus«. Überhaupt macht Ferruccio relativ viele Wortprägungen; so benutzt er z.B. häufig ein Adjektiv »concentrazionario«, das er nicht gibt; er meint damit Konzentrationen (von Arbeitern in großen Fabriken) und spielt auf Konzentrationslager an.

[2] Eine passende Kritik am Begriff »immaterielle Produktion« macht z.B. Sergio Bologna in »Problematiche del lavoro autonomo in Italia (I); erschienen in altreragioni Nr. 1 (1992) - bei uns auf Deutsch zu haben.

[3] M. Aglietta (1974), Accumulation et régulation du capitalisme en longue période. L' exemple des Etats-Unis (1870-1970), Paris, Insee, 1974; die zweite französische Ausgabe trägt als Titel Régulation et crises du Capitalisme, Paris, Calmann-Lévy, 1976; engl. Übers.: A Theory of Capitalist Regulation: The US Experience, London und New York, Verso 1979; 1987 folgte eine zweite englische Ausgabe beim selben Verlag. Als Verbindungsstück zwischen den Kategorien Fordismus und Postfordismus, kann man den Begriff Neofordismus betrachten, der zwei Jahre nach dem Erscheinen des Buchs von Aglietta von Christian Palloix vorgeschlagen wurde. Siehe Christian Palloix, »Le procès de travail. Du fordisme au néofordisme«, La Pensée, Nr. 185 (Februar 1976), S. 37-60; unter Neofordismus versteht er hier die neue kapitalistische Praxis von Anreicherung und Neuzusammensetzung der Arbeitsaufgaben als Antwort auf neue Erfordernisse bei der Verwaltung [gestione] der Arbeitskraft.

[4] Zum Fordismusbegriff der Regulationisten bis 1991 siehe das grundlegende Buch von Werner Bonefeld und John Holloway (Hrsg.) Postfordism and Social Form: A Marxist Debate on the Post-Fordist State; London, MacMillan, 1991; hierin auch bibliographische Hinweise zur Debatte. Als Beispiele für die Regulationistenschule seien genannt: R. Boyer, La Théorie de la régulation: une analyse critique, Paris, La Découverte, 1986; R. Boyer (Hrsg.) Capitalismes fin de siècle, Paris, Presses Universitaires de France, 1986; A. Lipietz, »Towards Global Fordism?«, New Left Review, Nr. 132 (März-April 1982, S. 33-47; »Imperialism as the Beast of the Apocalypse«, Capital and Class, Nr. 22 (Frühjahr 1984), S. 81-109; A. Lipietz »Behind the Crisis: The Exhaustion of a Regime of Accumulation. A 'Regulation School Perspective' on Some French Empirical Works«, Review of Radical Political Economy, vol. 18, Nr. 1-2 (1986), S. 13-32; A. Lipietz, Mirages and Miracles; The Crisis of Global Fordism, London, Verso, 1987; A. Lipietz »Fordism and post-Fordism« in W. Outhwaite and Tom Bottomore (Hrsg.) the Blackwell Dictionary of Twentieth Century Social Thought, Oxford, Blackwell, 1993, S. 230-231; B. Coriat, Penser à l' envers. Travail et organisation dans l'entreprise japonaise, Paris, Christan Bourgeois, 1991; Ripensare l' organizzazione del lavoro. Concetti e prassi del modello giapponese, Bari, Dedalo 1991, con introduzione e traduzione di Mirella Giannini.

[5] Ich sage deshalb »relativ hohe Produktivität«, weil das Fließband dazu nicht immer in der Lage war. Zum Beispiel wurde der sowjetische Fordismus der ersten beiden Fünfjahrespläne (1928-32, 1933-37) vor allem am Fließband der Autofabrik von Gorki ausprobiert auch mit direkter Hilfe von Fordtechnikern. Man erreichte aber nur ein Produktivitätsniveau von etwa 50% der us-amerikanischen Fordfabriken. Siehe dazu John P. Hardt und George D. Holliday, Technology Transfer and Change in the Soviet Economic System, in Frederic J. Fleron, Jr., Technology and Communist Culture: the Socio-Cultural Impact of Technology under Socialism, New York und London, Preager, 1977, S. 183-223.

[6] In seinem »Fordism and post-Fordism«, a.a.O., S. 230 behauptet Lipietz fälschlicherweise, daß der Begriff »Fordismus« »in den 30er Jahren von dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci und dem belgischen Sozialisten Henri de Man« geprägt worden sei. Lipietz bezieht sich offensichtlich auf »Americanismo e fordismo« (1934) in Gramscis Gefängnisheften (Quaderni del carcere, vol. terzo, hrsg. von V. Gerratana, Turin, Einaudi 1975 S. 2137-2181), eine Reihe von Anmerkungen, in denen sich Gramsci unter anderem auf ein Buch von De Man bezieht, das nicht direkt über Fordismus geht. Die erste Ausgabe des Werks von De Man erschien in Deutschland 1926: Hendrik de Man, Zur Psychologie des Sozialismus, Jena, E. Diederichs, 1926, und nach einer teilweisen französischen Übersetzung, erschienen in Brüssel 1927, wurde 1929 eine vollständige Übersetzung mit dem Titel Au delà du marxisme aufgelegt (Paris, Alcan, 1929), die auf der zweiten deutschen Ausgabe bei Diederichs beruhte (1927). Für seine Anmerkungen über »Amerikanismus und Fordismus« benutzte Gramsci im Knast die italienische Übersetzung der bei Alcan erschienenen französischen Ausgabe: Henri de Man, Il superamento del marxismo, Bari, Laterza, 1929. In Europa wurde aber der Begriff »Fordismus« bereits vor de Man und Gramsci benutzt und läßt sich bereits in den frühen 20er Jahren nachweisen; insbesondere bei Friedrich von Gottl-Ottilienfeld, Fordismus? Paraphrasen über das Verhältnis von Wirtschaft und Technischer Vernunft bei Henry Ford und Frederick W. Taylor, Jena, Gustav Fischer, 1924; H. Sinzheimer, »L' Europa e l' idea di democrazia economica« (1925), Quaderni di azione sociale, XXXIX, Nr. 2 (1994), S. 71-74 hrsg. und übersetzt von Sandro Mezzadra, dem ich für diesen Hinweise danke. Im oben zitierten Artikel behauptet Lipietz auch fälschlicherweise, daß »in den 60er Jahren der Begriff von einigen italienischen Marxisten (R. Panzieri, M. Tronti, A. Negri) wiederentdeckt wurde.« In Italien wurde der Fordismus diskutiert, indem wir uns von Gramsci distanzierten; z.B. R. Alquati, Sulla Fiat e altri scritti, Mailand, Feltrinelli 1975 [deutsch TheKla 5 und 6] und im Sammelband Operai e stato: Lotte operaie e riforma dello stato capitalistico tra rivoluzione d' Ottobre e New Deal (S. Bologna, G. P. Rawick, M. Gobbini, A. Negri, L. Ferrari Bravo, F. Gambino), Mailand, Feltrinelli 1972, in dem die Dokumente eines Kongresses in Padua 1967 abgedruckt waren.

[7] Siehe besonders den Aufsatz von Joachim Hirsch, Fordism and Post-Fordism: the Present Social Crisis and its Consequences, S. 8-34 und die beiden Aufsätze von Bob Jessop, Regulation Theory, Post-Fordism and the State: More than a Reply to Werner Bonefeld, S. 69-91 und Polar Bears and Class Struggle: Much Less than a Self-Criticism, S. 145-169; alle drei Aufsätze in Werner Bonefeld und John Holloway (Hrsg.) Post-Fordism and Social Form; dort auch weitere Literaturhinweise.

[8] Bob Jessop, Regulation Theory, Post-Fordism and the State, ebenda S. 87 f.

[9] Joachim Hirsch, Fordism and Post-Fordism: the Present Social Crisis and Its Consequences, a.a.O., S. 15.

[10] Michel Aglietta, (1974), Accumulation et régulation du capitalisme en longue période. Exemple des Etats-Unis (1870-1970), Paris, Insee, 1974.

[11] Joachim Hirsch, Fordism and Post-Fordism ..., a.a.O. S. 25 f.

[12] Alain Lipietz, »Towards Global Fordism«, New Left Review, Nr. 132 (März-April 1982), S. 33-47.

[13] ebenda S. 35 f.

[14] Siehe dazu den Sammelband von Giuseppe Bonazzi, »La scoperta del modelle giapponese nelle società occidentali«, Stato e mercato, Nr. 39 (Dezember 1993), S. 437-466, der die unterschiedlich kritische Aufnahme des japanischen Modells in der westlichen Soziologie diskutiert; kürzer und allgemeiner gehalten, Pierre-François Souyri, »Un nouveau paradigme?«, Annales, Vol. 49, Nr. 3 (Mai-Juni 1994), S. 503-510.

[15] Robert Guillain, Japon troisième grand, Paris, Seuil, 1969; Herman Kahn, The Emerging Japanese Superstate, Minneapolis, Minn., Hudson Institute, 1970.

[16] Robert Brochier, Le miracle economique japonais, Paris, Calmann-Lévy, 1970.

[17] Jon Holliday und David McCormack, Japanese Imperialism Today: Co-Prosperity in Greater East Asia, Harmondsworth, England, Penguin, 1973.

[18] Ezra Vogel, Japan as Number One: Lessons for America, Cambridge, Mass., Harvard University Press, 1979.

[19] Karel Van Wolferen, The Enigma of Japanese Power, New York, N.Y., Knopf 1989.

[20] Chie Nakane, Japanese Society, London, Weidenfeld & Ncholson, 1970; Michio Morishima, Why has Japan »Succeeded«, Cambridge, Cambridge University Press.

[21] Jean-Loup Lesage, Les grandes sociétés de commerce au Japon, les Shosha, Paris, PUF; Chalmers Johnson, MITI and Japanese Miracle: the Growth of Industrial Policy, 1925-1975, Tokio, tuttle, 1986.

[22] Masashiko Aoki, The Economic Analysis of the Japanese Firm, Amsterdam, Elsevier, 1984; Kazuo Koike, Understanding Industrial Relations in Modern Japan, London, MacMillan, 1988.

[23] Tai'ichi Ohno, Toyota Seisan Hoshiki [Die Produktionsweise von Toyota], Tokio, Diamond Sha, 1978; engl. Übers. The Toyota Production System: Beyond Large Scale Production, Productivity Press, Cambridge, Mass.; frz. Ausgabe: L' esprit Toyota 1989; ital. Ausgabe (1993) Lo spirito toyota, Turin, Einaudi.

[24] Benjamin Coriat, Penser à l' envers. Travail et organisation dans l' entreprise japonaise. Paris, Christan Bourois, 1991. Ital. Ausgabe: Ripensare l' organizzazione del lavoro. Concetti e prassi del modelle giapponese. Bari, Dedalo 1991.

[25] Ripensare l' organizzazione del lavoro. Concetti e prassi del modelle giapponese. Bari, Dedalo 1991. S. 32 f.

[26] ebenda S. 85.

[27] Satochi Kamata, Toyota, L' usine du désespoir, Paris, Editions Ouvrières 1976; engl. Übers.: Japan in the Passing Lane: Insider's Account of Life in a Japanese Auto Factory, New York, N.Y., Unwin Hyman, 1984, vom selben Verfasser: L' envers du Miracle, Paris, Maspéro, 1980.

[28] Ray und Cindelyn Eberts, The Myths of Japanese Quality, Upper Saddle, N.J., Prentice Hall, 1994.

[29] Irving Bernstein, Turbulent Years: A History of the American Worker 1933-1941, Boston, Houghton Mifflin, 1969, p. 737.

[30] David A. Hounshell, From the Amercian System to Mass production (1800-1932), Baltimore und London, The John Hopkins University Press, 1984.

[31] Karl Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie ... wo Marx über die Gesellschaft schreibt, diese »besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn.« Karl Marx, Grundrisse der politischen Ökonomie, Dietz Verlag Berlin 1974, S. 176.

[32] Stephen Meyer III, the Five Dollar Day: Labor Management and Social Control in the Ford Motor Company 1908-1921, Albany, N.Y., State University of New York Press, 1981, insbes. S. 96-202.

[33] Joyce Shaw Peterson, American Automobile Workers, 1900-1933, Albany, N.Y., State University of New York, 1987. Wie Samuel Romer schrieb (The Detroit Strike in The Nation vom 15.2.1933): »Die Autoindustrie ist saisonal. Alle Jahre im Herbst werden die Fabriken langsamer gefahren, um die neuen Modelle vorzubereiten; und der Autoarbeiter muß die »hohen Löhne« aus 8 Monaten strecken, um das ganze Jahr über zurechtzukommen.« [aus dem Italienischen übersetzt; d.Ü.] Siehe auch La Fever, M.W. (1929), »Instability of Employment in the Automobile Industry«, Monthly Labor Review, vol. XXVIII, S. 214-217.

[34] Bernstein, Turbulent Years, a.a.O., S. 740.

[35] David Noble, Social Choice in Machine Design, in: Adrew Zimbalist Case Studies on the Labor Process, New York, Monthly Review Press, 1979, S. 18-59.

[36] Eine aktualisierte Zusammenfassung dieser Positionen ist der Aufsatz von Marco Revelli Economia e modello sociale nel passaggio tra fordismo e toyotismo, in: Pietro Ingrao und Rossana Rossanda, Appuntamenti di fine secolo, Rom, Manifestolibri 1996, S. 161-224 [in der deutschen Ausgabe wurde dieser Aufsatz weggelassen; d.Ü.]

[37] Irving Bernstein, Turbulent Years, a.a.O., S. 740.

[38] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, S. 74; Berlin 1973.

[39] Irving Bernstein, Turbulent Years, a.a.O., S. 740.

[40] Obwohl sie nicht zur Regulationsschule gehören, haben zwei andere Bewunderer der italienischen Industriedistrikte die flexible Produktion als eine typische Erfindung der 70er Jahre dargestellt und sich dabei nicht auf Japan, sondern auf den östlichen Teil der Poebene bezogen: J. Michael Piore und Charles F. Sabel (1983), The Second Industrial Divide, Possibilities for Prosperity, New York, N.Y., Basic Books,; ital. Ausgabe: Le due vie dello sviluppo industriale. Produzione di massa e produzione flessibile, Torino, Isedi, 1987. [dt. Ausgabe: Das Ende der Massenproduktion. Studie über die Requalifizierung der Arbeit und die Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft, Berlin 1985.]

[41] Charles Wright Mills, »Commentary on Our Culture and Our Country«, Partisan Review, vol. 19, Nr. 4 (Juli-August 1952), S. 446-450, insbesondere S. 447.

[42] Tai'ichi Ohno, a.a.O.

[43] Marie-Claude Belis Bourguignan und Yannick Lung (1994) Le Mythe de la variété originelle. L' internationalisation dans la trajectoire du modèle productif japonais«, Annales, 49, 2 (Mai-Juni), S. 541-567.

[44] M. L. La Fever, »Instability of Employment in the Automobile Industry«, Monthly Labor Review, vol. XXVIII (1929), S. 214-127. Siehe auch Fußnote 32.

[45] Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, S. 765; Berlin 1973.

[46] Joyce Shaw Peterson, American Automobile Workers, 1900-1933, a.a.O., S. 54-56; Irving Bernstein, Turbulent Years, a.a.O., S. 740.

[47] Harold Garfinkel (Hrsg.), Ethnomethodological Studies of Work, Routledge & Kegan Paul, London und New York 1986, S. 7.

[48] Anonym, Alternatives Economiques, Mai 1994, zu den Daten Dares, Enquêtes spécifiques Acemo: Enquêtes sur l' activité et les conditions d' emploi de main-d'oeuvre, diesen Hinweis verdanke ich Alain Bihr.

[49] Vgl. den unerläßlichen Artikel »Intervento su Pietro Ingrao e Rossana Rossanda, Appuntamenti di fine secolo« von Riccardo Bellofiore, Associazione dei Lavoratori e delle Lavoratrici Torinesi (Allt) vom 24.11.1995 [Deutsch im Zirkular 27, S. 3 ff. »Lavori in Corso«].

[50] Joachim Hirsch und Roland Roth, Das neue Gesicht des Kapitalismus, VSA Hamburg, 1986 S. 37.

[51] Zu diesem Thema siehe den Sammelband von Peter Miller und Nikolas Rose »Production, Identity and Democracy«, Theory and Society, Vol. 24, Nr. 3 (Juni 1995), S. 427-467.

[52] Während der ersten beiden stalinistischen Fünfjahrespläne, wurden die Arbeiter an den Fließbändern der Autofabriken vom Regime die »Fordisierten« (fordirovannye) genannt.

[53] Eloina Lelaez und John Holloway, Learning to Bow: Post-Fordism and technological Determinism, in: Bonefeld, Werner und Holloway, John (Hrsg.) Postfordism and Social Form, a.a.O., S. 137.



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